By Fehlerwerkstatt on 16th Juli

Heute haben wir mal wieder ein Interview für Euch und wollen außerdem ein Buch vorstellen. Das „Kinder-Eltern-Hunde-Buch“ ist eines dieser Bücher, das schon lange fällig ist. Man hört und liest immer wieder über Beißvorfälle, sowohl mit Kindern als auch Erwachsenen. Oft heißt es, der Hund schnappte aus heiterem Himmel zu oder es gab keine Anzeichen vorher.
Niemand, der nicht dabei war, sollte sich ein Urteil darüber erlauben, aber es ist in der Regel so: Der Hund hat in den Jahrtausenden, die er schon mit uns zusammenlebt genau gelernt, wie er uns lesen muss. Auch wenn sich unsere Art der Kommunikation sehr unterscheidet weiß ein Hund genau, ob wir wütend, traurig oder glücklich sind.

Umgekehrt sieht es leider nicht allzu rosig aus. Die meisten Menschen wissen nicht, wie ihr Hund kommuniziert und was er sagen will, dabei ist es gar nicht so schwer. Immer wieder sieht man bei Youtube vermeintlich lustige Videos, in denen Kleinkinder über Hunde krabbeln, sie als Trampolin benutzen oder sie anderweitig ärgern. Für einen Beobachter, der sich mit der Sprache der Hunde ein wenig auskennt, ist meist offensichtlich, dass das ein Spiel mit dem Feuer ist.
Schwanzwedeln ist nicht immer gleich Freude, ein Abwenden des Blickes ist ebenso als „Warnung“ einzustufen wie ein Knurren, wird von den meisten Menschen aber gar nicht wahrgenommen.

Man beachte hier vor allem den Hund bei 1:01 und den Husky bei 1:36

Aber ich rede zu viel, lassen wir lieber einmal Claudia Landgrafe zu Wort kommen.

Warum überhaupt ein „Kinder-Eltern-Hunde-Buch“?

Mein Mann und ich wurden immer wieder zu Familien gerufen, bei denen es darum ging, dass es Probleme zwischen Kind und Hund gab. Wie ich schnell feststellte, wiederholten sich die Situationen zwischen den Kindern und Hunden in den unterschiedlichen Familien, meist mit nur geringen Unterschieden.
Das größte Problem stellte in den meisten Fällen die Tatsache dar, dass die Eltern sich viel zu wenig mit der Kommunikation und dem Verhalten ihres Hundes, bzw. mit Hunden im Allgemeinen auskannten und sehr rosa eingefärbte Vorstellungen vom Zusammenleben mit Kind und Hund hatten.
In einigen Fällen war der Hund extra als Spielkamerad für das Kinder oder die Kinder angeschafft worden und die Eltern waren völlig enttäuscht, dass recht schnell so einige Probleme auftauchten – Probleme, die sowohl für das Kind, als auch für den Hund gefährliche Ausmaße annehmen konnten.

kind und hund

Meistens schoben sie die Probleme allein dem Hund zu – ein weiterer fataler Fehler durch eine eingeschränkte Sichtweise. So bekamen die Eltern oft nicht mit, wie sehr das Kind den Hund ärgerte und immer wieder zu unschönen Handlungen animierte. Reagierte der Hund entsprechend, wurde er bestraft, und so drehte sich schnell eine negative Spirale in die falsche Richtung, bis man sich zum Glück Hilfe bei uns suchte.
Da wie bereits erwähnt immer wieder dieselben Situationen anzutreffen waren, beschloss ich, ein Buch zur Prävention von Beißunfällen zu schreiben. Dabei wollte ich direkt die ganze Familie einbeziehen, die Kinder ebenso wie die Eltern.
Es entstand die Idee von „Mein Freund Timmy“, mit einem bunt illustrierten Kinderteil vorn und dem erklärenden, mit Fotos bestückten Elternteil dahinter.

Meine Idee war, im Kinderteil kurze, alltagsnahe Geschichten von der kleinen Lisa zu erzählen, die einen Welpen geschenkt bekommt und mit ihm so manches Abenteuer erlebt. Diese Geschichten zum Vorlesen und selber lesen wurden mit großer Schrift gesetzt und wie ein Geschichten-Bilderbuch gestaltet. In Susanne Kotte fand ich eine wunderbare Zeichnerin, die meine Ideen auf den Punkt brachte und wunderschön umzusetzen vermochte.
Der Elternteil greift jede der Kindergeschichten einzeln auf, erklärt die Zusammenhänge der Situationen und zeigt mögliche Gefahren für Kind oder Hund auf. Viele der ausdrucksstarken Fotos wurden mithilfe des sehr kreativen Fotografen Oliver Fischer in Szene gesetzt.

regeln kind und hund regeln kind und hund

Als Modells dienten die Kinder meiner besten Freunde und deren Hunde, sowie mein eigener Hund, der zu Kindern ein sehr gespaltenes Verhältnis hat.
Selbstverständlich wurde bei den Aufnahmen auf die Sicherheit der Kinder und auch die der Hunde größten Wert gelegt. Wir mussten teilweise ganz schön mithilfe von Kamerawinkel, Futter und anderen Lockmitteln tricksen, um die gefährlich aussehenden Fotos überhaupt hinzukriegen.
Auf keinem unserer Fotos ist eine tatsächliche Attacke zu sehen, für die Hunde war es entweder ein Rennspiel oder ein auftrainierter Trick wie „böser Hund“ (Knurren und Bellen auf Kommando).
Andere Fotos, die ich für das Kinderbuchprojekt einkaufte, zeigen reale Szenen aus dem wirklichen Leben – Szenen, bei denen es mir teilweise kalt über den Rücken läuft und bei denen ich froh bin, dass scheinbar bisher niemand zu Schaden kam…
Beim Sichten der rund eintausendachthundert geschossenen Fotos fiel mir dann auf, wie überraschend sich Susannes Bilder und die Fotos ähnelten – wir hatten gemeinsam tolle Arbeit geleistet, um unsere Botschaft rüber zu bringen.

Wieso passieren so viele Unfälle mit Kindern und Hunden?

Das hat mehrere Gründe. Zuallererst sollte man das Größenverhältnis vom Kind zum Hund überdenken. Kinder sind einfach kleiner als wir Erwachsenen und somit ist ihr Gesicht schon von mittelgroßen Hunden leicht zu erreichen. Bei Krabbelkindern ist es sogar noch gefährlicher, sie sind selbst einem kleinen Hund völlig ausgeliefert.
Dazu kommt der oftmals sehr sorglose Umgang mit Hunden, denen nicht zugetraut wird, dass sie plötzlich zubeißen könnten. Auch Hunde empfinden in bestimmten Situationen Stress. Hält diese Situation länger an (weil der Erwachsene das Verhalten des Hundes übersieht oder nicht richtig interpretiert) und der Hund kann sich nicht entziehen, weil er angeleint ist oder in eine Ecke gedrängt wird, weiß er sich oft nur noch durch einen plötzlichen Angriff zu helfen, weil sein Stresslevel überschritten wurde.

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Ganz gefährlich wird es, wenn Kinder den Hund als lebendes Spielzeug benutzen. Da wird schnell mal am Ohr, den empfindlichen Tasthaaren oder der Rute gezogen, dem Hund in die Lefzen gepackt, mal ganz tief in die Augen gestarrt oder schlimmstenfalls versucht, auf dem Hund zu reiten. Da braucht es schon einen sehr duldsamen, belastbaren Hund, damit kein kleines Unglück geschieht.
Besonders hübsche Hunde mit Kipp- oder Schlappohren, wie der Australian Shepherd, der Collie oder der Dalmatiner, werden oft allein von ihrer Optik her als ungefährlich empfunden. Einfach mal streicheln ohne zu fragen, das kann schnell mit einem blauen Fleck oder sogar einer Bissverletzung an der Hand enden, wenn der Hund sich erschreckt oder einfach nicht von einem fremden Menschen berührt werden möchte.
Das Erschrecken des Hundes ist übrigens die häufigste Ursache für einen Beißvorfall mit Kindern, dicht gefolgt vom Versuch, dem Hund etwas wegnehmen zu wollen, egal ob Futter oder Spielzeug.

In welchem Alter sind die Kinder besonders gefährdet und warum?

Die häufigsten und schlimmsten Unfälle passieren bei Kindern im Alter von zwei bis acht Jahren. Das liegt zum einen, wie schon erwähnt, am ungünstigen Größenverhältnis zum Hund, zum anderen am Verhalten der Kinder.
Kinder bewegen sich teils noch unkoordiniert und sind für einen Hund nur schwer berechenbar. Sie schreien plötzlich, rennen los, trampeln, zappeln, springen und quietschen, und greifen plötzlich nach dem Hund.
Dazu kommt ihre natürliche Experimentierfreude. Was passiert, wenn ich das tue? Als Eltern hat man da eine große Verantwortung. Niemand würde zulassen, dass ein kleines Kind seine Hand auf eine heiße Herdplatte drückt oder einen Topf mit kochendem Wasser herunter zieht, wenn er es verhindern kann.
Bei Hunden lässt man die Kinder oft sorglos am Tier herumspielen, bis der Hund „ganz plötzlich ohne Grund“ zuschnappt. Man sollte nie vergessen, dass der Hund ein Jagdraubtier ist und vom Wolf abstammt, auch wenn er manchmal noch so niedlich aussieht.

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Gibt es tatsächlich Rassen, die als „kinderliebe Familienhunde“ gelten können?

Ja und nein. Es mag viele Menschen überraschen, aber meist sind die SoKas (sogenannten Kampfhunde), wie der American Bulldog, der English Bullterrier oder die Bordeauxdogge, deutlich belastbarer im Umgang mit Kindern als die angeblich so kinderlieben Jagdhunde Labrador und Golden Retriever.
In Amerika gelten diese SoKa‘s als „Nanny-dogs“, Kindermädchen-Hunde.
Generell muss man aber sagen, dass kein Hund kinderlieb oder böse geboren wird. Ein Hund sollte auf positive Art lernen dürfen, mit Kindern klar zu kommen und sie richtig einzuschätzen. Dann kann ein Hund jeglicher Rasse oder Mischung ein toller Familienhund sein.

Warum ist es wichtig, die Körpersprache von Hunden erkennen zu können, auch wenn man selbst keinen Hund hat?

Hunde kommunizieren in erster Linie über Körpersprache. Erst wenn diese oftmals feinen Signale übersehen oder ignoriert werden, kommt Lautsprache hinzu. Man sollte zumindest die wichtigsten Grundregeln der hundlichen Kommunikation erkennen und richtig einschätzen können. Dazu gehören die Haltung der Rute und der Ohren, die Kopfhaltung, der Blick sowie die Körperspannung.
Leider halten sich hartnäckig noch immer falsche Aussagen im Bezug auf Hunde.

Wedeln ist nicht immer Freude, sondern zunächst mal der äußere Ausdruck einer innerlichen Emotion. Diese kann Freude sein, aber auch Ärger, Wut oder Unsicherheit.
Hunde die bellen, beißen nicht – auch diese Aussage ist gefährlich und falsch. Bellen kann die letzte aktive Warnung vor einem Angriff sein, besonders wenn ein Hund sein Grundstück verteidigt.
Und wenn ein Hund knurrt, ist auch das Kommunikation. Er sagt damit, dass ihm die Situation nicht geheuer ist und Angst macht, oder dass er in Ruhe gelassen werden will. Hier sollte man sofort Abstand zwischen sich und das Tier bringen, damit es sich wieder beruhigen kann.
Niemals sollte man einem Hund verbieten zu knurren oder ihn dafür bestrafen. Verbietet man einem Hund das Knurren, also die meist letzte Warnstufe, wird er irgendwann ohne Vorwarnung zubeißen.

Was können Eltern tun, um einen Unfall zwischen Kind und Hund möglichst zu verhindern?

Die oberste Regel lautet : Einen erwachsenen Hund und ein Kind nie unbeaufsichtigt zusammen agieren lassen! Selbst bei Welpen können kleinere Beißunfälle passieren, da sie sehr spitze und scharfe Milchzähne haben.
Eine weitere Regel lautet, das Kind darf den Hund weder bedrängen (z.B. durch draufsetzen oder umarmen), noch ihn jagen oder in die Enge treiben. Besonders beim Umarmen passiert es oft, dass der Hund das Kind abwehrend direkt ins Gesicht oder den Kopf beißt, mit schrecklichen Folgen. Die Haut eines Kindes ist sehr zart und schnell zu zerstören.

Was dem Hund gehört, darf vom Kind nicht weggenommen werden, also weder Futter, noch Spielzeug. Auch sein Liegeplatz/Hundekorb ist absolut tabu, damit der Hund eine sichere Rückzugsmöglichkeit hat, wenn ihm das Kind zu viel wird.
Der Hund wird generell nicht geärgert, weder mit Nahrung noch mit Spielzeug.
Und wie schon weiter oben angeführt – man sollte verhindern, dass das Kind den Hund erschreckt, besonders wenn er schläft. Das Tier könnte zuerst zubeißen und erst dann schauen, wer da eigentlich vor ihm steht.

Was kann ich tun, damit Kind und Hund ein „Dream-Team“ werden?

Das ist gar nicht so schwer.
Wenn das Kind die Grundregeln befolgt, den Hund also weder bedrängt noch ärgert, wird der Hund rasch ein gutes Verhältnis zum Kind aufbauen.
Leckerlis aus der Hand zu füttern schafft ebenfalls ein gutes Verhältnis.
Gespielt werden sollte nur mit einem Erwachsenen zusammen. Tabu sind dabei alle Renn- und Zerrspiele, die den Hund hochfahren, also aufregen können. Zu schnell schnappt der Hund im Überschwang nach der Beute und erwischt einen Finger, springt das Kind über den Haufen oder das Kind stolpert beim Rennen über den Hund, was im schlimmsten Fall einen Angriff auslösen kann.
Besser sind ruhige Suchspiele, bei denen Spielzeug oder Futter in Haus und Garten versteckt wird, Apportierübungen, langsames Agility oder das Beibringen von kleinen Tricks.
Gemeinsames Spiel verbindet, im positiven Sinne.

Mein Freund Timmy

 Taschenbuch: 168 Seiten
 Verlag: Books on Demand; Auflage: 1 (23. Juni 2014)
 Sprache: Deutsch
 ISBN-10: 3732255360
 ISBN-13: 978-3732255368
 Vom Hersteller empfohlenes Alter: 3 – 8 Jahre

Vita:
Claudia Landgrafe, 45 Jahre jung
Seit 2006 Problemhundberaterin
ab 2008 eigene Hundeschule „Signal-Hund“
als als zert. Gebrauchshunde-Ausbilderin & Problemhund-Therapeutin
Zusatzausbildung 2011 zur Mantrailing-Trainerin
Autorin diverser Artikel für den „AbsolutHund Report“

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